Kein Mensch braucht Kochbücher! Der wunderbare Lupo (Bernhard Lübbers), selbst jetzt als Autor eines Fundamentalwerkes über die Geschichte Regensburgs in Erscheinung getreten, brachte mir vor vielen Jahren bei, dass in den ersten gedruckten Kochbüchern aus der Renaissance praktisch keine Rezepte, sondern Anleitungen zum Führen von Haus und Hof, Gesundheitsregeln und andere relevante Erkenntnisse vermittelt werden sollten. Die konkreten Zubereitungshinweise benötigte scheinbar ein Profi in der Küche nicht.
Seitdem ist viel auf dem Kochbuchmarkt passiert: Es gibt unverzichtbare Klassiker, wie das bayerische Kochbuch in über 50 Auflagen, die echte italienische Küche oder den Silberlöffel. Mein erstes “Kochbuch” war ein GU Heftchen über die französische Küche, weil ich als 19 jähriger Zivildienstleistender meine Freundin und zukünftige Frau mit französischer Zwiebelsuppe beeindrucken wollte.
Später habe ich mich gleichsam aus dem Lehramtsstudium heraus gekocht – nur noch weniger dieser 90er Jahre Kochbücher stehen noch in meinem Regal und andere – wie die vegane Küche von Attila Hildmann musste ich im Altpapier entsorgen. Wer aus meiner Sicht im letzten Jahrhundert eine echte Revolution im Kochbuchschreiben eingeleitet hat ist Jamie Oliver. Bis dahin gab es entweder Bücher von Spitzenköchen mit Zutaten, die im Privathaushalt nicht verfügbar waren (200ml demi glace, 1l Kalbsfond aus gerösteten Knochen gezogen – solltet Ihr keinen Bora Herdabzug haben, die Rauchmelder in der Wohnung ausschalten, dann bekommt Ihr garantiert Ärger mit euren Mitbewohnern), oder Essen&Trinken, Feinschmecker, Brigitte und Co, in denen die Bilder so gut designed waren, dass das Nachmachen ein nicht geringes Frustrationspotential bot. Jamie Oliver – möglicherweise weil er Brite und nicht Franzose ist, erlaubte sich frei zu denken und zu kochen und die Regeln zu brechen. Er hat die Hürde des “Richtig machens” geschleift, der Spaß und die Freude am Genuss, nicht das Regelwerk standen im Vordergrund und plötzlich hat man sich wieder getraut. Mut ist beim Kochen (wie auch beim Singen und Malen) übrigens von entscheidender Bedeutung.
Mein Ausbilder pflegte zu mir zu sagen: “Hey Pumuckl, kochen ist bei dir eh Glückssache, gell?” – das hat er Unrecht, der alte Fritz. Der Leitsatz lautet: “Erst Hirn, dann Herd!” Ein großes Glück ist es aber, seine Restaurantküche direkt neben einer der besten Buchhandlungen zu haben. Lalena Hoffschildt hat im Jahr 2024 die Buchhandlung Dombrowsky am Kassiansplatz übernommen, das ist ein großer Gewinn für Regensburg und mich. Denn Lalena ist nicht nur eine wunderbare Buchhändlerin, sondern vor allem eine Genießerin. Dem Leben, Champagner, Wein und Whisky zugeneigt, erhalte ich von Ihr wunderbare Empfehlungen. Und so kam es, dass ich per Whatsapp dazu eingeladen wurde, einen Blick in das Buch “DNA – Ducasse” zu werfen. Nun muss ich vorausschicken, dass ich zwar in den letzten Jahrzehnten immer wieder dekorierte fine dining Küche genießen durfte, aber nicht zu den Sternenfressern gehöre, die die Königsklasse der besternten Michelinküchen sich leisten können. Es gibt einen zweiten Aspekt, der mich bislang eher zu den nose to tail Start-Ups und Neueröffnungen getrieben hat – es ist die Attitüde der klassischen, gerne französischen inspirierten Küche. Dieses mehr Augenmerk auf den exakt geschnittenen Kartoffelwürfel legen, als auf die Kartoffelsorte und deren Herkunft. Ebenso war bislang mein Eindruck, dass die Sterneküche sich aufgespalten hat in auf der einen Seite teuerste Zutaten und auf der anderen Seite in die slow food Seite – farm to table, nose to tail.
Ein weiteres Glück ist, dass unser Kopf rund ist, um das Denken ändern zu können. Der erste Satz in DNA lautet: “Die französische Küche ist keine museale Angelegenheit. Sie entsteht aus vielen Komponenten, ist wendig, weltoffen, verwurzelt in einer bodenständigen Wissenschaft, die sich auf Genauikgkeit und Harmonie gründet. Sie beansprucht keine Erhabenheit, doch aufgrund ihrer weit entwickelten Technik und der Basis der uralten Regelwerke rühmt sie sich einer Flexibilität, durch die sie unabhänging von Raum und Zeit dauerhaft lebendig bleibt.” Dieses eine 536 dicke Buch ist das Werk von Alain Ducasse Emmanuel Pilon, Amaury Bouhours und Jean-Philippe Blondet. Die KI sagt: “Zusammen haben die vier Köche 35 Michelin-Sterne. Alain Ducasse hält allein 21 Sterne. Die drei Köche Emmanuel Pilon, Amaury Bouhours und Jean-Philippe Blondet halten zusammen die restlichen 14 Sterne, da ihre Restaurants jeweils drei Sterne haben.” Allein das ist monumental.

Was dieses Buch aber besonders macht ist der tiefe Einblick in die Arbeitsweise. Der Aufbau von DNA ist folgender: auf Seite 372 findet sich ein Bild und der Name des Gerichtes: Grüner Spargel aus der Provence, Kresse und Nori-Alge. Soweit, so schlicht.

Was dann auf den Seiten 374 und 375 folgt sind die Rezepte für: 1. Spargel englische Art 2. Eingelegte Spargel Cornichons 3. Spargel Würze 4. Spargelsauce 5. Wilder Spargel 6. Reis-Chips 7. Räucherkäse 8. Kressepesto 9. Finalisieren und Anrichten. Keines dieser Einzelrezepte hat mehr als 7 Zutaten, keine der Beschreibungen umfasst mehr als 8 Sätze. Aber allein die Umsetzung der Einzelzutat Reis-Chips lautet: Den Reis mit der Tapioka vermischen. In einem Topf mit Wasser bedecken. Alles zum Kochen bringen und langsam 3 Stunden einkochen. Anschließend den gepufften Wildreis untermischen. Die Masse auf einer Silikonbackmatte streichen und mehrere Stunden trocknen lassen. Ais dem Reisbrett Streifen schneiden und diese in Sonnenblumenöl bei 220°C einige Sekunden fritieren.
Das Dessertgericht auf Seite 512 (Rhabarber in Hibiskus, Quark-Sorbet) benötigt 4 weitere Seiten und 11 Rezepte. ABER: jedes einzelne Rezept ist mehr oder weniger schnell auch von geübten Laien umsetzbar. Okay, ich sag mal so: Nach dem letzten Rezept kommen noch ein paar Seiten, ganz lapidar als “Nützliches” bezeichnet und es finden sich ein Einblick in die Speisekammern, das Mise en Place von Emmanuel, Amaury und Jean-Philippe: Meerfenchelessig, Öl mit Tomatenblättern oder Paste aus gegrillter Zitrone. Allein diese Speisekammer dauerhaft verfügbar zu halten ist ein logistischer Aufwand, den man wohl nicht mal so eben in seiner Privatküche stemmt. Dennoch: Solche Gerichte zu präsentieren ist kein Hexenwerk. Es ist das Ergebnis von jahrhunderte langer Kochkultur, Präzision und Expertise, Leidenschaft und dem täglichen Versuch von Perfektion. Es ist vergängliche Kunst, gemacht um wertschätzendes Gastgeben zu zelebrieren.
Wenn ihr in einem Museum für moderne Kunst einen Farbklecks betrachtet und der tumbe Tor neben euch stammelt: “Des kann meine 3jährige Tochter auch”, dann verhält es sich ähnlich wie mit solchen Gerichten, aber genauso auch denjenigen aus einer Streetfood Küche in Marrakesch (die genauso Kultur, Expertise, Tradition und Herzblut verkörpern). Ja – Wenn die Idee und die Zutaten bereitgestellt werden, wenn kein Zeitdruck und keine 40 couverts mit 7 Gängen und den amuse bouche zu bewerkstelligen sind, wenn du keine zwei linken Hände hast und schon mal eine perfekte Nocke ausgestochen hast, dann – ja vielleicht dann – kannst du einen dieser Teller NACHkochen.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das auch so gewollt ist. Dass sich dieses Buch lohnt, weil es so viele einzelne Komponenten und Ideen gibt, die nachgemacht werden wollen. Die einen Esprit in die ambitionierte Laien (und Profi-)Küche bringen. Es ist aber viel mehr: Es präsentiert und erklärt Spitzenküche, dieses Buch trägt im besten Fall zur Wertschätzung für Nahrungsmittel und das Erschaffen von etwas Vergänglichem bei. Damit sind wir bei der Kunst angekommen. Der Ton im Konzert verhalt, der Geschmack auf der Zunge wird überdeckt. Was bleibt, ist die Erinnerung, die Dankbarkeit und das Gefühl gesehen und geschätzt worden zu sein. Danke für dieses großartige Geburtstagsgeschenk @Dennis. Meine Bitte, gebt diese Dankbarkeit an die Schaffenden auf der (Koch-)Bühne zurück. Ach, und kauft das Buch – nicht online, sondern in der Buchhandlung Dombrowsky.
